DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Interview


,,Unabhängige Planung zahlt sich wirklich aus!
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Seit mehr als 40 Jahren plant und begleitet das Büro SALZMANN INGENIEURE urbane und alpine Seilbahnprojekte. Geschäftsführer Stephan Salzmann spricht im SI-Interview über seine Unabhängigkeit gegenüber Seilbahnherstellern, gelungene Streckenführung im städtischen Raum und warum Betrieb und Wartung einer Seilbahn nicht unterschätzt werden dürfen.

„Die ideale Strecke verläuft gerade auf einem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße“, ist Stephan Salzmann überzeugt. Foto: SI/Surrer

SI Urban: Herr Salzmann, als langjähriger Seilbahningenieur haben sie viel Erfahrung im Planen, Bauen und Betreiben von Seilbahnen. Wann sollten Städte und Kommunen auf urbane Seilbahnen setzen? Stephan Salzmann: Wenn die Bürgermeister und Stadtentwickler eine schnell realisierbare und günstige Verkehrslösung benötigen, die bis zu 3.600 Personen pro Stunde befördern kann.

 

Einseilumlaufbahnen lassen sich beispielsweise innerhalb von zwei Jahren realisieren und haben geringe Bau- und Instandhaltungskosten. Zudem ist die CO2-Bilanz pro Fahrgast im Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln unschlagbar. Wie sieht die perfekte urbane Seilbahntrasse aus? Die ideale Strecke verläuft gerade auf einem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Hier haben wir viel Platz, überfliegen nur öffentlichen Grund und haben keine Kurven.

 

Letztere stellen ein Problem für jeden Seilbahntyp dar. Einseilumlaufbahnen können keine Kurven fahren, an jeder Biegung muss eine Station errichtet werden. Mehrseilumlaufbahnen können zwar mit Stützen Kurven bewältigen, sie sind aber drei Mal so teuer wie Einseilumlaufbahnen. Zudem benötigen die Stützen viel Platz. Im Grundsatz gilt: Je komplexer die Strecke, desto eher kommt eine Mehrseilumlaufbahn in Betracht.

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Solch ideale Trassen wird man aber nur selten finden. Deswegen ist die Trassenfindung im urbanen Bereich auch so schwierig. Städteplaner und Bürgermeister schaffen das nicht alleine. Deswegen empfehle ich die Konsultation von Seilbahnplanern, wie wir sie sind. Durch eine professionelle Machbarkeitsstudie lässt sich zwar keine perfekte aber immerhin eine gelungene Strecke finden.

Mithilfe von Raumplanungsdaten wie Einwohnerzahlen, Personenströme und Hot Spots, etwa große Arbeitgebern, Einkaufszentren oder Schulen, erstellen wir eine Bedarfsanalyse. Diese verrät uns, wo Knotenpunkte, also Stationen, sinnvoll sind. Erst dann suchen wir einen Weg, die Punkte günstig, sicher und mit den geringsten Auswirkungen auf das Umfeld zu verbinden.

 

Eine große Herausforderung, da zahlreiche Hürden, wie Grundstückseigentümer, Stromleitungen, Naturgefahren oder Bebauung im Weg stehen können. Können Sie hier Beispiele nennen? In Graz erstellen wir derzeit eine Machbarkeitsstudie für eine Einseilumlaufbahn zwischen dem städtischen Unfallkrankenhaus, dem Stadtberg Plabutsch und dem Naturerholungsgebiet Thalersee.

 

Die Trasse ist an das bestehende öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen und führt großteils über nicht besiedeltes Gebiet, das sich in Staatsbesitz Wir sind derzeit auch mit anderen Städten hinsichtlich Machbarkeitsstudien im intensiven Kontakt. Die Fragestellungen sind sehr komplex, da zum Teil Industriegebiete durchquert, Eisenbahn- und Autobahnen überquert und Freileitungen unterfahren werden sollen. Man kann also durchaus sagen, das Interesse an unserer Dienstleistung wächst.

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Also menschliche statt geologische Herausforderungen? Ja, wobei uns unsere langjährige Erfahrung in Bezug auf Berg- und Ausflugsbahnen in beiden Bereichen hilft. Wir mussten schon öfter Autobahnen, Stromleitungen oder bebautes Gebiet berücksichtigen, mit Grundstückseigentümern verhandeln und Naturschutzvorgaben einhalten. Neben unserem großen Wissen über Vorschriften, Gesetze und rechtliche Prozesse, besitzen wir viel technisches Know-how über urbane Begebenheiten und Seilbahnsysteme. Nichtzuletzt habe ich persönlich großes Interesse an urbanen Verkehrsfragen entwickelt und Verkehrstechnik studiert.

„Je komplexer die Strecke, desto eher kommt eine Mehrseilumlaufbahn in Betracht “, erklärt Stephan Salzmann. Foto: POMA

Einige Städte überspringen die Seilbahnplaner und lassen die Anlagen vom Hersteller konzipieren. Die richtige Strategie? Nein, da die Kommunen dann meist keine Preissicherheit haben. Eine unabhängige Ausschreibung entfällt, der Preis der Bahn ist nicht unbedingt der Marktpreis. Außerdem dürfte der Hersteller, der die Vorstudie erstellt, bei einer vergaberechtlich korrekten Ausschreibung gar nicht mitbieten. Zusätzlich fehlt dem Bauherrn ohne Ingenieurbüro die Unterstützung im Genehmigungsverfahren und beim sparsamen Planen. Unabhängige Planung zahlt sich wirklich aus, nicht nur beim Bau selbst.

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Inwiefern? Wir sensibilisieren unsere Kunden auch für die Zeit nach dem Bau. Betrieb und die Wartung einer Seilbahn dürfen nicht unterschätzt werden. So müssen bewegte Seile alle acht bis zehn Jahre ausgetauscht werden, was Straßenoder Gebäudesperren notwendig macht. Außerdem korrodieren Seile über emissionsreichen Industrieanlagen schneller, was spezielle Legierungen bzw. Beschichtungen notwendig macht. Zudem brauchen die städtischen Verkehrsbetriebe geschultes Betriebspersonal. Entweder sie eignen sich das Seilbahn-Know-how selber an oder sie schließen einen Build-and-Operate-Vertrag mit dem Seilbahnhersteller. Dieser betreibt dann die Seilbahn für einen Fixbetrag pro Fahrt. All diese Überlegungen müssen schon in der Planungsphase berücksichtigt werden. Das Interview führte Thomas Surrer (ts)

„Bewegte Seile müssen alle acht bis zehn Jahre ausgetauscht werden, was Straßen- oder Gebäudesperren notwendig macht“, erinnert Salzmann. Foto: Teufelberger/c lichtschwärmer