DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

OITAF 2017:Seilbahnen bewegen-auch emotional


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Seilbahnen bewegen – unter diesem Titel stand der 11. Weltseilbahnkongress, der Anfang Juni erstmals in Bozen über die Bühne ging. 340 Teilnehmer aus 28 Nationen nahmen an der Veranstaltung teil, um Branchenwissen auszutauschen und sich über neuste Trends zu informieren.

Landeshauptmann Arno Kompatscher war stolz, dass Bozen Austragungsort des Kongresses war. Denn, so Kompatscher, Südtirol sei ein Pionierland, was das Seilbahnwesen betreffe. Das Gebirge sei geradezu prädestiniert für den Seilbahnbau, kein Wunder also, dass bereits 1908 hier die erste Seilbahn mit Personenbeförderung in Betrieb ging.

 

Seither sind einige Jahre vergangen und viele renommierte Seilbahnhersteller und Unternehmen, die alpine Technik herstellen, haben sich in Südtirol angesiedelt. Auch Martin Leitner, der sein Amt als OITAF-Präsident nach sechs Jahren an Mag. Jörg Schröttner vom Bundesministerium für Verkehr, Technologie und Innovation aus Wien, abgab, hatte schon lange den Wunsch, den Kongress nach Bozen zu holen.

Foto: foto-dpi.com
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Markus Pitscheider, Generalsekretär der OITAF, Jörg Schröttner, neuer OITAF-Präsident und Michael Leitner, Ex-OITAF-Präsident.

An die 100 Sitzungen, so schilderte Leitner, und ca. 13290 Kilometer habe er als OITAFPräsident in seiner Amtsperiode abgehalten bzw. zurückgelegt. In dieser Zeit habe sich das Seilbahnwesen weltweit massiv weiterentwickelt: Seilbahnen seien nicht nur für den Tourismus von ungeheurer Bedeutung, sondern zunehmend auch als Verkehrslösung im urbanen Bereich.

 

Als Beispiel führte Leitner Südamerika und Ankara an und betonte, dass auch in Europa die Akzeptanz, Seilbahnen als Transportmittel außerhalb des touristischen Bereiches einzusetzen, langsam zunehme. Mit dem Kongress, so Leitner, könne man das Erfahrungspotential regelmäßig nach außen tragen, sich austauschen, einen gemeinsamen Konsens anstreben sowie Empfehlungen für neue Märkte abgeben.

 

Dass das möglich ist, dafür sorgen nicht zuletzt die Studienausschüsse und Arbeitsgruppen, insgesamt 140 Leute, die sich mehrmals im Jahr zusammensetzen und sich intensiv mit verschiedensten Themen wie Seilbahntechnik, Umwelt, Überprüfung der Seile, Betriebsoptimierung, juristische Angelegenheiten uvm. befassen.

Toulouse mit großen Hürden

Was Seilbahnen im städtischen Bereich zu leisten vermögen, veranschaulichte Cyril Ladier, Leiter des öffentlichen Verkehrswesens in Toulouse.In der viergrößten Stadt Frankreichs wohnen eine halbe Million Menschen und jährlich werden rund 15.000 Zuwanderungen registriert. Die Stadt, so Ladier, verfüge über einen ausgeklügelten Verkehrsverbund: U-Bahnen, Straßenbahnen und Buslinien, Car-Sharing und Car-Pooling sollen dafür sorgen, dass die Einwohner möglichst wenig mit dem Auto fahren.

 

 

Dennoch reichen die jetzigen Transportmittel nicht aus, um die Menschen an ihren Arbeits- bzw. Studienort zu bringen. Geplant sind nicht nur zehn neue Buslinien, die Ausweitung des U-Bahn-Netzes, sondern der neue Mobilitätsplan sieht auch eine Seilbahn vor. Diese soll im Zentrum gebaut werden und auf einen Hügel, auf dem das Krankenhaus, der Uni-Corpus sowie das Krebsfor schungszentrum mit allein insgesamt 3000 Arbeitsplätzen, liegt, führen.

 

Eine besondere Herausforderung, so Ladier, sei dabei der Fluss mit dem dazugehörigen und geschützten Naherholungsgebiet, der genau in der Mitte liege. Und nicht nur umweltrechtliche Fragen müssen abgeklärt werden, sondern auch wettertechnische. Ladier: „Windstärken bis zu 72 km/h sind keine Seltenheit!“ Selbstverständlich soll sich die drei Kilometer lange Seilbahn auch mit ihrem Design in das Stadtbild optimal in das Stadtbild einfügen und last but not least müssen möglichst viele Menschen pro Stunde (5000. – 7000) befördert werden - und das ganze möglichst kostengünstig.

 

Das Projekt, mit deren Planungen 2006 begonnen wurde, nähert sich langsam seiner Realisierung: Jetzt muss die Seilbahn nur noch gebaut werden.

Das größte Projekt weltweit
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Die Rittner Seilbahn in Bozen.

 

Über eine Seilbahn, die schon im Einsatz ist, konnte Cesar Dockweiler, vom staatlichen Unternehmen Mi Teleferico in La Paz, Bolivien, berichten.Es ist eine Erfolgsgeschichte: Das Seilbahnprojekt – das weltweit größte – wurde von der Doppelmayr/Garaventa Gruppe umgesetzt und ging 2014 in die erste Phase.

Im März 2017 folgte die zweite Phase, damit sind nun weitere Stadtviertel von La Paz und El Alto verbunden. Seit dem Startschuss 2014 konnten nicht nur große Verkehrsprobleme gelöst, sondern auch ein großer Beitrag im sozialen Bereich geleistet werden. Menschen, die vorher in ihren Vierteln unter sich waren, bekamen durch die Seilbahn Zugang zu Bildung und Arbeit.

 

Die Infrastruktur dieser benachteiligten Viertel konnte ebenso verbessert werden und somit letztendlich auch die Lebensbedingungen. Und das Projekt ist noch nicht abgeschlossen: Bis 2019 sollen es 11 Linien sein plus Zuspeiserlinien. Das Seilbahn netzt umfasst dann 32 km, 1498 Kabinen und 38 Stationen.

 

Dass eine Seilbahn DIE Verkehrslösung ist, davon ist auch Verkehrsexperte Prof. Heiner Monheim, überzeugt. Er setzt sich schon lange dafür ein, die umweltfreundlichen und auch relativ kostengünstigen Seilbahnen als Ergänzung zu anderen Verkehrsmitteln einzusetzen.

César Dockweiler. Foto: SI/Müller
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Er spricht von einer „Auto- Gesellschaft“ und fordert über den Tellerrand hinauszuschauen. Denn was nützt es, ein neues Parkhaus zu bauen, weil das alte zu klein ist. Was nützt es eine weitere Straße zu bauen, weil die alte überlastet ist?

Emissionen sollten eigentlich verhindert werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Monheim: „Wir tun uns schwer mit Alternativen und neuen Wegen! Und das, obwohl eine Seilbahn nicht nur umweltfreundlich und kostengünstig wäre, sondern auch noch „zackzack“ gebaut werden könnte, wundert sich Monheim und fordert Masterpläne.

 

Wo können Seilbahnen gebaut werden, um urbane Verkehrsprobleme zu lösen? Monheim wünscht sich nicht nur, dass Stadtplaner künftig auch Seilbahnen in ihren Köpfen haben, sondern dass sich die Seilbahnhersteller Gedanken machen, wie man die urbanen Seilbahnen forcieren könnte. Und konkret fordert er einmal mehr: „Macht doch Referenz- Projekte einfach vor der eigenen Haustür! bm