DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Öffentlicher Nahverkehr


Transportiert mehr als „nur“ Menschen

Künstler Christoph Niemann spricht über seine Theorie, wie man Menschen vom Auto zum öffentlichen Verkehr bringt.

 

(Foto CWA: Nicht nur Kinder, auch Erwachsene kommen bei einer Fahrt mit der Glasbodenkabine nicht aus dem Staunen heraus.)

Der Autor und Künstler Christoph Niemann hat in seiner Keynote zur diesjährigen UITP in Stockholm einen Aspekt des Transportwesens angesprochen, welcher meist eher stiefmütterlich behandelt wird – der Transport von Emotion! Die zentrale Aussage seiner Rede: „The moment I see a city’s transit system, I feel like I understand the place” (sobald ich das Transportsystem einer Stadt sehe, habe ich das Gefühl, als ob ich diesen Ort verstehen würde).

 

Ein öffentliches Verkehrsmittel kann aber noch viel mehr erreichen als das Gefühl von Verständnis zu generieren. In Wien sieht man die Erleichterung von verirrten Touristen, wenn der mit einem großen blauen U markierte Eingang einer U-Bahn Station gefunden wird und das Seilbahnnetz in La Paz wird von vielen Einheimischen sogar als eine Chance für ein besseres Leben gesehen.

 

Natürlich ist nicht jede Empfindung gegenüber den leicht nutzbaren Verbindungen so positiv. Gerade im Sommer sind die Emotionen in einem überfüllten Gelenkbus in einer heißen Stadt eher gemischt, wenn man aber auch der Suche nach Schutz vor einem starken Regenguss ist, sind die zahlreichen Unterstellmöglichkeiten mehr als willkommen.

 

Für Kinder bedeutet ein öffentliches Verkehrsmittel ein Stück von Freiheit und eine erste Möglichkeit der Selbstständigkeit. Das öffentliche Verkehrsnetz stellt so viel mehr bereit, als lediglich eine Verbindung zwischen zwei Punkten und es wird vielleicht auch Zeit den Fahrgästen dies wirklich ins Bewusstsein zu rufen.

 

Mancherorts wird dies bereits praktiziert. In London können sich die Einheimischen nicht vorstellen auf ihre berühmten roten Busse zu verzichten und auch in Koblenz ist man glücklich über die Seilbahn, welche im Zuge der Gartenschau 2011 errichtet wurde.

 

Ein aktuelleres Beispiel findet sich in Tokio. Seit der Erfindung von Pokémon in den 90er Jahren ist der Hype um die kleinen Monster ungebrochen, besonders in Japan ist man stolz auf den japanischen Exportschlager. Diese Begeisterung möchte man nun auch auf den öffentlichen Verkehr übertragen und designte den neuen Monorail einfach im Pokémon-Stile.

 

Bis vorerst 2020 soll die Pokémon Schwebebahn auf der wichtigsten Strecke, zwischen dem Flughafen und der Innenstadt von Tokyo fahren. Hier sieht man ein gutes Beispiel, wie versucht wird die Freude über das beliebte Franchise auf den öffentlichen Verkehr zu übertragen.

Transport von Menschen und Emotionen


Wenn man an die Zukunft des öffentlichen Verkehrs denkt sind die ersten Schlagworte meist Transportkapazität und Abfahrtsintervalle, doch der urbane Verkehr braucht auch Herz.

 

Christoph Niemann ist davon überzeugt: „Der öffentliche Verkehr gehört ebenso wie die Kunst zur Kultur einer Stadt, und wir müssen als Verfechter nachhaltiger Mobilität an unserer Seite arbeiten, um den öffentlichen Verkehr zu romantisieren und die Wahrnehmung zu ändern.“ Zur Emotionalisierung von Marken gibt es zahlreiche Erfolgsgeschichten und Studien, die den kundenbindenden Effekt untermauern, doch der innerstädtische Transport wurde bisher nur selten als emotionales Erlebnis vermarktet.

 

“Wir müssen über die Idee hinausgehen, dass der öffentliche Verkehr nur Menschen bewegt; wir müssen Herzen und Seelen bewegen”, so Niemann. Am Beispiel seiner Kinder möchte er verdeutlichen wie viel Emotion in einem öffentlichen Transportmittel steckt. Seine Kinder wuchsen in New York auf und waren von der U-Bahn begeistert. Sie haben versucht die verschiedenen Linien und Stopps auswendig zu lernen und konnten gar nicht genug von einer Fahrt bekommen.

 

Niemann ist überzeugt: „... auf diese Weise waren sie wirklich in der Lage, die Stadt auf ihre Weise zu erleben.“

„Das ist das Badezimmer, das ich entworfen habe, als wir von NY nach Berlin gezogen sind. Unsere Kinder waren so verliebt in die U-Bahn, dass ich dachte, es würde den Übergang erleichtern. Als ich es meinem damals 6-Jährigen zum ersten Mal zeigte, erwartete ich ein tränenreiches Dankeschön. Er schaute es sich 20 sec. lang an, dann sagte er, „die JMZ-Züge fehlen“, drehte sich um und ging“, erzählt Niemann. Foto: Christoph Niemann

Christoph Niemann: Künstler, Autor und Animator


Er ist ein Künstler, aber in seinem Herzen ist er auch ein Verfechter des öffentlichen Verkehrs! Christoph hat ein echtes Interesse an öffentlichen Verkehrsmitteln und findet regelmäßig künstlerische Inspiration in den Städtespezifischen Transportmitteln. Besonders deutlich zeigt sich seine Liebe zum ÖV seit er ein Wandgemälde für den Bahnhof im Berliner Vorort Wannsee entworfen hat.