DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN
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SI Urban: „Herr Seeber, wie schätzen Sie die Grundstimmung für urbane Seilbahnen in der Gesellschaft ein? Anton Seeber: „Ich muss hier differenzieren. In Europa überwiegt noch die klassische Auffassung, dass eine Seilbahn auf den Berg gehört. Die Privatsphäre und das Thema Überflug von Privateigentum sind hier die größten Hürden für urbane Seilbahnen. Hinzu kommt die psychologisch bedingte Furcht vor Unfällen, Abstürzen und Stillständen.

Dabei ist die Seilbahn nach dem Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel der Welt. Wir müssen den Menschen die Angst davor nehmen, dass Seilbahnen gefährlich sind. In Südamerika und Asien gibt es dagegen so starke Verkehrsprobleme, dass der politische Druck, urbane Seilbahnen zu bauen, extrem hoch ist und das Volk Seilbahnen nahezu fordert.

 

Sind urbane Seilbahnen also die Massenverkehrsmittel der Zukunft? Nein. Eine Seilbahn ist in ihrer Länge, Fahrgeschwindigkeit und Förderleistung begrenzt und kann nie so viele Menschen transportieren, wie etwa U-Bahnen oder Züge. Die Seilbahn ist aber die notwendige Ergänzung urbaner Massentransportsysteme.

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„Erst durch die Seilbahn können die 200.000 Einwohner des Stadtteils Ecatepec de Morelos das reguläre Massenverkehrsnetz von Mexico City effizient nutzen“, erklärt Anton Seeber.

Inwiefern? Indem die Seilbahn die Menschen durch Querverbindungen und Zubringerstrecken überhaupt zu den Bus-, Zug oder U-Bahn-Linien bringt. Erst durch die Seilbahn können etwa die 200.000 Einwohner des Stadtteils Ecatepec de Morelos das reguläre Massenverkehrsnetz von Mexico City effizient nutzen. Das setzt zahlreiche positive Entwicklungen in Gang.

 

Können Sie weitere Beispiele nennen? Im kolumbianischen Medellin sank dank der Seilbahn die Kriminalität, da die Menschen nun in vertretbarer Zeit und sicher ihre Arbeitsplätze erreichen. Zudem sind die Einwohner stolz auf ihre Bahn. Die Menschen verschönern ihre Häuser, da ja jetzt die Bahn über ihren Köpfen schwebt.

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„Im kolumbianischen Medellin sank dank der Seilbahn die Kriminalität, da die Menschen nun in vetretbarer Zeit ihre Arbeitsplätze erreichen“, sagt Anton Seeber.

Die Nähe zur Seilbahn wird zu einem Statussymbol, in Ankara etwa ist der Wert der Gebäude in der Nähe von Seilbahnstationen deutlich gestiegen. Von der Steigerung der Lebensqualität profitieren auch die Politiker. Sie können schnelle und günstige Prestigeprojekte innerhalb der Legislaturperiode verwirklichen.

 

Das sind ja zahlreiche Vorteile. Wie können Sie diese in Europa vermarkten? Indem wir uns an den Debatten mit Lösungsvorschlägen, Beispielen und Studien beteiligen. Es ist aber klar, dass wir als Hersteller irgendwann an einem Punkt sind, an dem wir nichts mehr machen können und der politische Wille entscheidet.

Wie schätzen Sie daher das Potential für urbane Seilbahnen ein? Ich bin zuversichtlich, dass in jeder größeren Stadt, wo Verkehrsprobleme bestehen, die von einer Seilbahn gelöst werden können und der politische Wille dafür vorhanden ist, künftig eine urbane Anlage errichtet wird. Hier hilft vor allem der Trend zum Naturschutz. Eine LEITNER-Seilbahn ist durch unseren energiesparenden Elektromotor und unserem getriebelosen Antriebssystem besonders umweltschonend.

 

Macht sich die Entwicklung bereits in den Unternehmenszahlen bemerkbar? Durchaus. Seit 2004 ist unser Umsatz mit urbanen und touristischen Seilbahnen kontinuierlich von null auf circa 30 Prozent gestiegen. Diese Diversifizierung unserer Tätigkeit ist notwendig um Arbeitsplätze innerhalb der Unternehmensgruppe auszubauen aber auch langfristig zu sichern. Das Interview führte Thomas Surrer (ts).

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Anton Seeber hat ein Buch über urbane Seilbahnen mit dem Titel „The Renaissance of the Cableway“ veröffentlicht. Seeber zeigt darin anhand von Fakten, Bildern und Beispielen das Potential von urbanen Seilbahnen auf.