DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Göteborg macht sich bereit!


Das Seilbahnprojekt wird immer konkreter
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Seit 2005 träumt man in Göteborg von einer Seilbahn. In den letzten drei Jahren wurde das Projekt immer konkreter. Eine Machbarkeitsstudie zeigt nun, dass das nachhaltige und umweltfreundliche Transportmittel in der zweitgrößten schwedischen Stadt wirklich Sinn machen würde. Wie die Chancen für eine Realisierung stehen und was genau geplant ist, schilderte der Vorarlberger Seilbahnplaner Christof Albrecht in einem Gespräch mit SI Urban-Redakteurin Birke Müller.

 

Si Urban: In Göteborg stehen die Zeichen für die geplante Seilbahn gut. Wie kommt ein Unternehem aus Vorarlberg an diesen schwedischen Großauftrag?

Christof Albrecht: Das Projekt für die Machbarkeitsstudie wurde vor drei Jahren ausgeschrieben und wir haben den Zuschlag bekommen. Seither begleiten wird die Göteborger.Ideen urbaner Seilbahnen gibt es ja viele. Die meisten davon werden als lächerliche Spinnereien abgetan. Wie hoch stehen die Chancen in Göteborg denn, dass das Vorhaben auch tatsächlich realisiert wird?

 

Die Chancen stehen sehr gut. Es ist schon viel Geld in dieses Projekt geflossen. Die Machbarkeitsstudie hat gezeigt, dass alle Voraussetzungen für eine Seilbahn in Göteborg gegeben sind. Im März 2017 wurde das Projekt im Rahmen einer sog. ECI (Early Contractor Involvement) Beschaffung ausgeschrieben. Ziel dieser Ausschreibung ist es, schon in einer frühen Phase einen Generalunternehmer an Bord zu haben, der in einer ersten Phase die komplette Detailplanung macht und bei einem positiven Bescheid der Stadtregierung die Seilbahn auch baut und evtl. betreibt. In ein paar Monaten wird sich entscheiden, welche Firma das Rennen macht.

Christof Albrecht
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Im Jahr 2011hat Christof Albrecht seine Planer- und Beraterfirma Zatran in Dornbirn gegründet. Albrecht‘s Philosophie ist es, ein ausgewogenes ökosoziales Zusammenleben im urbanen Raum durch nachhaltige Mobilitätslösungen zu gestalten. Der Experte, der aus der Seilbahnbranche kommt, beschäftigt sich zu 80 Prozent mit Seilbahnprojekten im städtischen Bereich. Sein Ziel ist es, in Städten ein lebenswertes Miteinander zu schaffen, um Stressfaktoren zu mindern und die Gesundheit zu fördern. Das Seilbahnprojekt in Göteborg begleitet er seit drei Jahren.

Gibt es in Göteborg besondere Gegebenheiten, die eher für eine Seilbahn sprechen als in anderen europäischen Städten? Ja, das ist tatsächlich so. Der Vorteil hier ist, dass die Seilbahn nur im Bereich Wieselgren ganz vereinzelt über privates Wohngebiet führt und das mit großem Abstand zu den Gebäuden, in etwa 80 m Höhe. Daher wird die Seilbahn von den Anrainer prinzipiell gutgeheißen.

 

Im Bereich von Järntorget bis Västra/Ramberget kann man mit niedrigem Infrastrukturaufwand (z.B. nur 2 Stützen pro Sektion) und auf direktem Weg die einzelnen Destinationen bedienen. Natürliche Barrieren wie Straßen, Flüsse, Betriebsgebäude und Eisenbahn können elegant überwunden werden. Ein entscheidender Faktor ist natürlich auch, dass Volvo Trucks durch eine Seilbahnstation auf ihrem Betriebsgebiet einen direkten Anschluss zum öffentlichen Verkehrsnetz erhalten würde.

 

Das Wetter ist ja im hohen Norden eher rau und windig. Ist das ein Problem? Das ist bei diesem Projekt eine große Herausforderung. Aus Kostengründen war ursprünglich eine Einseilumlaufbahn geplant. Aber bei öfters auftretenden Windgeschwindigkeiten bis zu 80 km/h und einem Spannfeld von ca. 700 m über den Fluss würde die Verfügbarkeit der Seilbahn stark leiden und zweitens ist für die sensitive Stadtbevölkerung auch ein komfortabler Transport bei Windgeschwindigkeiten von 50 km/h, obwohl technisch möglich, nicht gegeben.

 

Bei einer 3S-Bahn hingegen sind diese Windgeschwindigkeiten, wie sie vor allem im Flussbereich vorkommen, akzeptabel, d.h. die Fahrgäste fühlen sich trotzdem noch wohl und werden sicher transportiert.

Foto:forlivochroreise.se
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Wie viel Linien sind geplant? Zur Zeit nur eine, aber es gibt schon Überlegungen – wenn der Betrieb erfolgreich läuft – weitere Querverbindungen zu schaffen. Wie sieht das bestehende Nahverkehrskonzept aus und wie soll die Seilbahn künftig darin integriert werden? Es gibt ein gutes öffentliches Verkehrsnetz mit Straßenbahnen, Bussen und Fähren in Göteborg.

 

Die Seilbahn ist eine weitere Ergänzung und soll den Shuttle-Fährverkehr über den Fluss ersetzen. Außerdem wird sie zu 100 Prozent in den Tarifverbund des öffentlichen Verkehrs eingebunden. Konkret heißt dies, dass es auch nur ein Ticket geben wird, das für alle Verkehrmittel gültig ist. Ein Einzelticket nur für die Seilbahn ist nicht vorgesehen!

Gibt es dann auch Fahrscheinkontrollen, wie beispielsweise im Zug oder Bus? Hier gibt es Überlegungen, dass man den Zugang zur Seilbahn einfach offen lässt und auf das Vertauen der Fahrgäste setzt bzw. nur fallweise kontrolliert. Aber möglich ist auch ein elektronisches Zugangssystem. Welche Maßnahmen müssen bei der Flussüberquerung getroffen werden?

 

Die Schifffahrt darf ja nicht gestört werden. Ja, richtig. Die Höhe von 45 Metern darf nicht unterschritten werden. Die Stützen am Flussufer sind daher 75 bzw. 100 m hoch. Wie hoch ist die Beförderungskapazität? Es sollen 32 Kabinen, die jeweils Platz für 30 Personen bieten, in Betrieb gehen. D.h. in der Stunde können 2000 Fahrgäste in beide Richtungen transportiert werden.

 

Die Kabinen sind geräumig, damit auch Kinderwägen, Rollstühle oder Fahrräder transportiert werden können. Göteborg ist eine Fahrradstadt, so dass man diesen Umstand neben der Barrierefreiheit unbedingt mitberücksichtigen musste. Und etwas ganz Besonderes: Die Kabinen halten an den Stationen jeweils für 20 Sekunden zum Aus- und Einsteigen an. Dies ermöglicht einen stressfreien Passagiertransfer gerade für die oben genannten Passagiergruppen.

 

In der Mitte der Kabinen befinden sich Vorrichtungen, an die man sich, oder das Rad, anlehnen kann - nur stirnseitig befinden sich Sitze. Die Fahrt von Järntorget bis Wieselgren beträgt ca. 12 min. Warum, glauben Sie, ist die Ablehnung in den meisten europäischen Städten einer Seilbahn gegenüber so groß? Das zentrale Thema ist ganz klar die Verletzung der Privatsphäre.

 

Man muss auch sagen, dass eine Seilbahn kein Allheilmittel für den urbanen Nahverkehr ist. Sie ist und bleibt ein Nischenprodukt. Meiner Meinung ist sie nur bei gewissen topografischen und städtebaulichen Voraussetzungen oder dem Vorhandensein von natürlichen Barrieren (z.B. Flüsse) ein probates Verkehrsmittel für periphere Stadtgebiete.

 

In Südamerika stellt sich die Sachlage aufgrund anderer rechtlicher Rahmenbindungen natürlich anders dar. Als Seilbahnplaner muss man sich die Situation vor Ort ganz genau anschauen und bei der Planung ganz sensibel vorgehen. Glauben Sie, dass Göteborg mit der Realisierung einer Seilbahn diesen „Damm der Ablehnung“ brechen könnte. Ja, auf jeden Fall. Ich denke, wenn eine Stadt mal startet, könnte das eine Initialzündung auslösen und andere Städte wagen diesen Schritt ebenfalls.