DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Geschichte


Die Seilbahn stammt aus der Stadt-nicht vom Berg
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Eignen sich Seilbahnen wirklich für den urbanen Verkehr? Eine unsinnige Frage für jemanden, der mit der Geschichte des Verkehrsmittels vertraut ist. Über Ursprung, Entwicklung und Zukunft der urbanen Seilbahn.

 

Die Anfänge der Seilbahn liegen nicht – wie viele vermuten – in den Bergen, sondern in der Stadt. Dampfmaschine, Eisenbahn und Drahtseil lieferten im Zusammenhang mit der industriellen Revolution die Impulse für innerstädtische Seilbahnen ab 1860.

Bei den ersten Seilbahnen wurde klar getrennt zwischen dem Personentransport mit Standseilbahn bzw. Cable Cars ausschließlich am Boden und dem Güterverkehr am Boden oder in der Luft. Die ersten urbanen Seilbahnen schwebten also nicht in der Luft, sondern waren fest gegründet. Die Anlagen lösten vor allem Mobilitätsprobleme in hügligen Stadtteilen, deren Steigungen noch von keinem anderen Verkehrsmittel bewältigt werden konnten.

 

Wie leistungsfähig diese waren, zeigte bereits die erste Stadtseilbahn in Lyon 1862, deren Drei-Wagen-Züge bis zu 324 Personen befördern konnten. Während in Europa die klassischen Standseilbahnen im Pendelbetrieb überwogen, wurden in den USA vor allem Cable Cars eingesetzt, deren Wagen während der Fahrt an ein endlos umlaufendes Zugseil geklemmt waren. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Standseilbahnen auch für touristische Zwecke eingesetzt wurden, wie beispielsweise ab 1874 am Leopoldsberg bei Wien.

Luftseilbahnen als Attraktion
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Ab etwa 1900 wurden leistungsfähige Seilschwebebahnen auch für den Personentransport errichtet, erstmals schwebten Menschen am Seil über urbanes Gebiet. Die Luftseilbahnen wurden – nicht anders wie heute – im Rahmen von Expos oder Freizeitparks errichtet, um den Menschen ein besonderes Mobilitätsvergnügen zu bescheren, etwa in Berlin, Mailand, Venedig, Genf, Stockholm, Wien und Turin.

2004 wurde in Medellin (Kolumnien) die erste moderne urbane Seilbahn in Südamerika eröffnet. Foto: POMA

Das Auto verdrängte die Seilbahn


Der Siegeszug des Automobils ab 1920 in den USA und ab 1945 in Europa verdrängte die Seilbahn aus den Städten in die Berge. Dort erkannte man das Potential der Seilbahn für Materialund Personentransport, für Bergbau, Alltag und Wintertourismus. In den folgenden Jahrzehnten erfuhr die Seilbahntechnik daher eine rasante technische Entwicklung und ist heute ein ausgereiftes, effizientes und komfortables Transportmittel.

Comeback in Algerien


Abgesehen von Verbindungsbahnen zwischen einsam gelegenen Schweizer Bergdörfern waren innerörtliche Seilbahnen aber lange kein Thema mehr. Zwar wurden in der georgischen Bergbaustadt Chiatura 26 Seilbahnen für den Personentransport errichtet (und 116 für den Materialtransport), aber davon wussten auch nur Seilbahninsider. Vereinzelte Ausnahmen gab es aber immer wieder. So wurde 1968 die Insel Sentosa von Singapur über eine Seilbahn erschlossen.

 

Über die Jahre steigerten sich die Besucherzahlen auf mehr als 10 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Zudem verbindet die Roosevelt Island Tramway in New York seit 1976 die Insel East River mit dem Festland, während Tiflis zwischen 1959 und 1986 fünf innerstädtische Pendelbahnen erhielt. In Chongqing (China) dienten innerstädtische Pendelbahnen als Brücken über den Yangtze- und über den Jialing-Fluß. Die meisten Anlagen, wie etwa in Göteborg, Barcelona, Zürich oder New Orleans wurden aber anlässlich von Jubiläen oder Veranstaltungen errichtet – und nicht selten danach wieder abgebaut.

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Ihr richtiges Combeack gelang der urbanen Seilbahn erst in Algerien. Dort wurde 1982 der Grundstein für kuppelbare Gondelbahnen als dauerhaftes innerstädtisches Massenverkehrsmittel gelegt. Zuerst in der Hauptstadt Algier, die sich über Berge erstreckt, dann in anderen Städten im Land.

In Europa tut sich die urbane Seilbahn noch schwer. Beispiele wie in Koblenz zeigen aber, dass mit ihr in Zukunft zu rechnen ist. Foto: Henry Tornow

Siegeszug in Südamerika


Irgendjemand kam um die Jahrtausendwende dann darauf, die Idee der innerstädtischen Seilbahn von Algerien nach Kolumbien zu exportieren oder das System einer Touristen-Bergseilbahn für den innerstädtischen Verkehr anzuwenden. 2004 wurde in Medellin das erste Transportmittel dieser Art dem Verkehr übergeben, 2007 die nächste Linie eröffnet (beide gesamt zehn Kilometer lang) und diese Idee bald weiterexportiert.

 

Manizales (Kolumbien) eröffnete 2009 die erste Linie, Caracas 2010 und Rio de Janeirio 2011. Den größten Schub erfuhr die urbane Seilbahn in La Paz, wo seit 2014 bereits vier Seilbahnlinien entstanden sind – und weitere folgen sollen. Auch in Mexico, Nordamerika und Asien fassen urbane Seilbahnen Fuß, wobei in Vietnam und Co. vor allem der Tourismuszweck im Vordergrund steht. Lediglich in Europa tut sich die Verkehrslösung noch schwer. Doch auch hier zeigen Beispiele wie Brest, Koblenz, London oder Berlin, dass mit urbanen Seilbahnen in Zukunft zu rechnen ist. ts