DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Eine schräge Sache


Standseilbahn Stuttgart als wichtiger Zubringer
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Grund für den Bau einer Standseilbahn in Stuttgart im Jahre 1929 war es, eine Anbindung zum entlegenen Friedhof im Ortsteil Degerloch zu schaffen. Viele Trauergäste nutzen auch heute noch die Bahn, um bequem die 85 Meter Höhenunterschied von Heslach hinauf zum Waldfriedhof zu überwinden. Zudem fahren viele Einheimische sowie Gäste mit der Seilbahn, um im kleinen, aber feinen Erholungsgebiet dort oben ihre Freizeit zu genießen.

Das Besondere an der Seilbahn, die auch augenzwickernd „Erbschleicherexpress“ oder „Witwenexpress“ genannt wird, ist, dass sie die erste halbautomatische Seilbahn weltweit war und bis heute nur mit sehr wenig sehr Personal auskommt. Nur auf diese Weise war und ist der wirtschaftliche Betrieb möglich. Die Einführung der Europäischen Seilbahn Richtlinien im Jahr 2003 stellte den Erhalt der schmucken Anlage allerdings kurzzeitig in Frage. Die Stuttgarter entschlossen sich trotz strenger Auflagen, das „schräge“ Transportmittel, das inzwischen allen lieb geworden war, zu erhalten. In Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden wurde die Anlage modernisiert und auf EU-Standard gebracht.

Betriebsleiter Rüdiger Walz
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Von 2006 bis 2013 war Rüdiger Walz stellvertetender Betriebsleiter für die Standseilbahn; seit 2013 ist er Betriebsleiter. Er kennt die Anlage wie seine Westentasche und weiß, wie wichtig den Stuttgartern die Seilbahn ist. „Die meisten Fahrgäste sind Einheimische. Sie fahren mit der Bahn, um zum Friedhof zu kommen. Andere wiederum wollen dort oben im Wald einfach nur spazierengehen und die Natur genießen. Von einem Touristenmagneten kann man aber auf keinen Fall sprechen!“, meint Walz und betont: „Die Standseilbahn wurde von Anfang an in das Nahverkehrsnetz integriert, es ist eine offizielle Linie des Stuttgarters Verkehrsnetzes. Möchte man mit der Seilbahn mitfahren, benötigt man ein Kurzstrecken- Ticket – das kostet 1,30 Euro, so wie für alle Kurzstrecken.“

In den Verkehrsverbund integriert
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Zwar konnte die Bahn nie ganz kostendeckend fahren, aber bis heute ist sie dennoch das effektivste und wirtschaftlichste öffentliche Verkehrsmittel für den Nahpersonenverkehr zum Waldfriedhof. Ganz bewusst wählte man die hügelige, kurvige, sehr steile und 536 Meter lange Strecke. Die Gründe dafür: Die Baukosten sollten niedrig sein.

 

 

Die seilgezogenen Fahrzeuge sind außen aus Teak- und Innen aus Mahagoniholz gefertigt . Fotos: SSB AG

Zudem sollte der ökologische Aspekt, den Wald möglichst zu schonen, berücksichtigt werden. Und last but not least war es der Wunsch, dass sich die Bahn harmonisch in die Landschaft einfügt. Die Seilbahn wird heute von der Stuttgarter Straßenbahn AG (SSB) betrieben und ist seit Ende der 1990er Jahre als Linie 20 in das Liniennummernsystem der Statdtbahn Stuttgart eingebunden. Am Südheimer Platz im Tal bestehen Anschlussverbindungen an die SBB-Linien U1 und U14.

Nutzung als Zubringer zum Waldfriedhof
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Im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Standseilbahnen in Deutschland dient diese Anlage nur kaum touristischen Zwecken, sondern überwiegend dem öffentlichen Personennahverkehr. Von Beginn an konnte sie zum regulären SBB-Tarif benutzt werden. Die Bahn, die über eine Spurweite von 1000 Millimetern verfügt, zuckelt täglich zwischen 9.10 und 17.50 Uhr in einem 20-minütigem Takt bergauf und bergab. Die beiden Wagen sind außen aus Teakholz und innen aus Mahagoniholz gefertigt. Sie bieten 22 Sitzplätze und 52 Stehplätze. Und eine Besonderheit: Von allen Standseilbahnen in Baden-Würtemberg hat die Stuttgarter Bahn pro Betriebsstunde die höchste Auslastung!

Kommt zusätzlich Seilbahn für Stuttgart?
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Wenn es nach den Plänen einiger Stuttgarter Politiker geht, könnte die Standseilbahn in einigen Jahren Zuwachs bekommen. Die Stadt Stuttgart hat bekanntlich ein „Feinstaubproblem“ und dieses will man schnellstmöglich lösen. Die Forderung, den Verkehr von der Straße in die Luft zu verlegen, wird immer lauter. Mit einer urbanen Seilbahn könnte man den Autoverkehr auf den Straßen – vor allem im Stadtbezirk Vaihingen mit seinen großen Gewerbegebieten – reduzieren und somit gleichzeitg die Luft verbessern.