DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN
Dem Verkehrschaos entschweben
stadt

Ab 2022 verbindet eine urbane Seilbahn die beiden Stadtteile Providencia und Huechuraba in Santiago de Chile miteinander. Dreizehn Minuten Seilbahnfahrt stehen dann rund 40 Minuten Fahrtzeit mit Autos oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber. Die Fahrgäste entschweben damit dem Verkehrschaos. Das Hauptziel der Seilbahn ist es, die zwei wichtigen Handelszentren Ciudad Empresarial mit dem Stadtteil „Sanhatten“ zu verbinden. 

Die 3,4 Kilometer lange Seilbahn soll über drei Stationen verfügen. Die erste ist für die Kreuzung Thayer Ojeda mit Nueva Providencia vorgesehen, die Zwischenstation am Cerro San Cristóbal (östlich vom Antilén-Schwimmbad) und die dritte in der Ciudad Empresarial beim Messezentrum. Die erste Station in Sanhatten wäre an die Metrostation Tobalaba angeschlossen.

 

Den Zuschlag für das 80-Millionen- schwere Projekt hat das Teleférico Bicentenario Consortium erhalten, das aus dem Seilbahnhersteller DOPPELMAYR und den Unternehmen Teleférico Bicentenario SpA, Icafal Inversiones S.A. und Ciudad Empresarial S.A besteht. Das Konsortium hat das Projekt überhaupt erst initiiiert und wird nicht nur für den Bau, sondern auch für Wartung und Betrieb der Seilbahn verantwortlich sein. Die Konzession wird für 35 Jahre erteilt. 2020 sollen die Bauarbeiten beginnen, die Inbetriebnahme ist für 2022 geplant.

6.000 Personen pro Stunde


Die Seilbahn mit ihren 148 Gondeln wird eine Kapazität von 6.000 Fahrgästen – 3.000 in jeder Fahrtrichtung – pro Stunde aufweisen. Jede Kabine hat eine Kapazität von zehn Passagieren und soll im 12-Sekunden-Takt fahren. Die Stützen werden im Abstand von je 100 Metern gesetzt. „Sobald das Projekt abgeschlossen und der reguläre Betrieb aufgenommen wurde, soll die Seilbahn nahtlos in das öffentliche Transportsystem der Stadt integriert werden.

Das wird zur Verkehrsentlastung dieser stark frequentierten Stadtgemeinden beitragen“, gab das chilenische Infrastrukturministerium (Ministerio de Obras Públicas – MOP) bekannt. Der ehemalige Verwaltungsleiter für die Metropolregion, Claudio Orrego, erhofft sich laut Wochenmagazin Condor von der Seilbahn mehrere Vorteile: „Die Seilbahn ist umweltfreundlich, da sie abgasfrei ist. Sie soll dazu beitragen, den Straßenverkehr zu entlasten und wird dank der verkürzten Fahrtzeiten die Lebensqualität der Menschen verbessern. Und nichtzuletzt wird die Seilbahn auch eine neue Touristenattraktion in Santiago darstellen.“

Santiago braucht Seilbahnen

Die verantwortlichen Politiker diskutieren derzeit, wie die Seilbahn dennoch in das Stadtbild eingefügt werden kann. Verkehrsexperten verweisen allerdings darauf, dass nicht so sehr die Seilbahn selbst das Hauptproblem sei.

So soll die Seilbahnstation Santa Clara künftig aussehen. Fotos. Chilenisches Infrastrukturministerium

Der Direktor der Fakultät für Architektur an der Universidad Diego Portales, Ricardo Abuauad, erklärte in einem Interview mit dem Radiosender Bío Bío, dass der gesamte öffentliche Personennahverkehr verbessert werden müsste: „Alle städteplanerischen Projekte der vergangenen Jahre hätten als Ziel gehabt, das Straßen- und Stadtautobahnnetz zu erweitern – mit Erfolg. Doch das hat gleichzeitig zu einem Anstieg der privaten Wagennutzung geführt.“

 

Was Santiago aber – eine Stadt, die laut der jüngsten Volkszählung über 40 Prozent der Bevölkerung auf sich konzentriert – brauche, sei ein besseres öffentliches Verkehrssystem und deren Vernetzung mit weiteren Transportmitteln, wie zum Beispiel Fahrrad und eben der Seilbahn. Der Experte empfiehlt zudem, eine zentrale Behörde für Stadtplanung einzurichten, da bisher Verkehrsprojekte wie die Seilbahn in der Verantwortung von den Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden liegen. ts

Drei Fragen an Juan Carlos Figueroa Quezada, Finanzinspektor der Baudirektion des chilenischen Infrastrukturministeriums.


 

SI Urban: Warum haben sich die Behörden für den Bau der Seilbahn Bicentario entschieden?

 

Juan Carlos Figueroa Quezada: Im Rahmen der öffentlich-privaten Partnerschaft und der derzeitigen Praxis der Konzessionsvergabe haben private Unternehmen die Möglichkeit, dem Infrastrukturministerium eine Projektidee vorzulegen. Diese wird dann von den staatlichen Behörden analysiert und gegebenenfalls zum öffentlichen Interesse erklärt, sodass der private Anbieter eine Vorentwurfsstudie anfertigen kann. Genau so ist es bei der Seilbahn „Bicentennial“ gelaufen. Hier war der Seilbahnhersteller DOPPELMAYR Teil des Konsortiums. Die Idee, eine Seilbahn in der Stadt Santiago zu realisieren, kommt den Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs zugute, die ihre Reisezeiten zwischen Wohnungen und Arbeitsplätzen minimieren müssen. Außerdem sollte ein alternatives, umweltfreundliches und innovatives Massentransportmittel angeboten werden. Das waren erklärte Ziele der Behörden bei der Umsetzung dieser Seilbahn als neuem Verkehrsträger.

 

Wie sieht die zukünftige Rolle von Seilbahnen im öffentlichen Nahverkehr in Chile aus?

 

Der Transport per Seilbahn hat in Chile großes Potenzial, da in Chile die passenden geografischen Bedingungen vorliegen, unter denen solche Systeme realisiert werden können. Die Expansion der Städte endet naturgemäß an den Nahtstellen zwischen Bergen und Tälern. Daher habe ich keinen Zweifel, dass die Seilbahnen eine echte Alternative für den öffentlichen Personennahverkehr in Chile sind.

 

Gibt es weitere Seilbahnpläne in Chile?

 

Derzeit werden Seilbahnen für die Städte Valparaíso und Iquique untersucht. Das sind Städte mit geografischen Merkmalen, die die Umsetzung von urbanen Seilbahnen nahelegen, zumal es sich um Städte handelt, die sind in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewachsen sind und wegen ihrer hohen Verkehrsdichte erhebliche Probleme mit Staus bekommen haben. Aus der Perspektive der Politik trägt diese Umsetzung zu einer nachhaltigeren, gerechteren, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Landes bei und fördert die territoriale Integration im Hinblick auf eine verbesserte Lebensqualität.

10er-Kabinenbahn Bicentenario


  • Länge 3,4 km
  • Kabinen 148
  • Kabinengröße 10 P.
  • Stationen 3
  • Förderleistung 6.000 p/h
  • Fahrtzeit 13 Min.
  • Baubeginn 2020
  • Inbetriebnahme 2022
  • Konzession 35 Jahre
  • Investitionssumme 80 Mio. $