DAS MAGAZIN FÜR URBANE SEILBAHNEN

Interview


Das Bergkonzept muss leben!

Sicherheitsexperte Florian Immoos spricht im SI Interview über die Bergung urbaner Seilbahnen, inwieweit Retter geschult werden müssen und warum oft Spezialgeräte notwendig sind.

 

Si Urban: Herr Immoos, Ihr Unternehmen, die IMMOOS GmbH, exportiert Sicherheitskonzepte, Bergesysteme und persönliche Schutzausrüstungen für Seilbahnen in mehr als 30 Länder. Inwieweit unterscheidet sich die Bergung urbaner Seilbahnen von Evakuierungen alpiner Anlagen?

„Die Retter sollen ja nicht schon an den Basics scheitern“ – Florian Immoos plädiert für regelmäßige Bergeübungen. Foto: SI/Surrer

 

Florian Immoos: Wenn möglich werden die Standardverfahren eins zu eins übernommen – etwa das einfache vertikale Abseilen der Fahrgäste. Straßen, Gebäude oder Stromleitungen stehen dieser Bergeart in der Stadt aber meist entgegen. Daher müssen wir die Passagiere oft entlang des Seils verschieben und können sie erst an den Stützen oder über freiem Gelände abseilen. Die Retter steigen dazu an den Stützen nach oben, fahren zu den Kabinen und transportieren die Gäste zum nächsten geeigneten Abseilpunkt.

 

Sind dazu Spezialgeräte notwendig?

 

Ja, weil die Spannfelder von urbanen Seilbahnen oft sehr groß und die Seilfelder sehr flach sind. Hier hilft uns weder die Schwerkraft – wie in den Bergen – noch die Entfernung zwischen Stütze und Kabine.

 

Um nun rasch zu den Kabinen zu gelangen, müssen sich die Retter mit Winden oder Seilfahrgeräten fortbewegen. Unser selbstfahrendes Seilfahrgerät SS1 eignet sich für diesen Fall besonders.

Inwiefern?

 

Mit dem motorisierten SS1 kann der Retter selbständig und ohne Hilfe eines zweiten Retters zu den Kabinen gelangen. Selbst Steigungen von bis zu 20 Prozent, wie sie bei urbanen Seilbahnen oft vorkommen, sind kein Problem.

 

Mit speziellem Zusatzmaterial kann der Retter die Fahrgäste anschließend nach und nach abschleppen. Zunächst werden die mutigen Passagiere – meist Jugendliche – evakuiert, um das Vertrauen der verängstigten Gäste zu gewinnen. Anschließend nach und nach die anderen.

Immoos liefert auch Steigschutzeinrichtungen Foto: IMMOOS

Stellen die Passagiere urbaner Seilbahnen eine größere Herausforderung dar als Fahrgäste alpiner Anlagen?

 

Der Umgang mit dem Fahrgast ist etwas vom schwierigsten, bleibt jedoch gleich, insbesondere da auch in den Bergen längst nicht mehr nur die geländegängigen und sportlichen Menschen transportiert werden, sondern auch Kleinkinder oder Personen mit Beeinträchtigungen.

 

Sowohl in der Stadt als auch am Berg wird das passive Bergesystem angewandt – der Fahrgast greift zu keinem Zeitpunkt in seine Evakuierung ein. Das macht allein der Retter. Die Schwierigkeiten liegen vielmehr in anderen Umständen, wie etwa Schaulustige, fehlende Kommunikation zwischen den Rettern oder Missbrauch von Infrastruktur.

 

Können Sie für Letzteres ein Beispiel nennen?

 

Der Zugang zu den Stützen muss in den Städten besser gesichert werden, damit Kinder oder leichtsinnige Menschen nicht raufklettern. Bei einer Seilbahn in der Türkei gehen die Retter beispielsweise innerhalb der Stützen nach oben.

 

Die Türen dazu sind versperrt. Im Notfall muss der Retter den richtigen Schlüssel parat haben. Hier ist ein gut durchdachtes Bergekonzept nötig.

 

Wie wird ein Bergekonzept erstellt – und was steht drin?

 

Dem Betreiber einer urbanen Seilbahn ist anfangs vielleicht nicht bewusst, dass ein Bergeplan gesetzlich vorgeschrieben ist und von den Seilbahnherstellern meist in einem All-Inclusive-Paket mitgeliefert wird. Das Konzept haben die Hersteller oft von unserer Firma IMMOOS.

 

Wir bekommen ein Längenprofil der Seilbahn mit Angaben zur Umgebung und erstellen auf dessen Grundlage einen groben Ablaufplan mit Zeitrechnung. Wir halten uns dabei an die europäischen Normen, die weltweit Anwendung finden.

 

Demnach darf die Evakuierung einer Seilbahn nur 210 Minuten dauern – abzüglich 30 Minuten Reaktionszeit. Anhand der Zeitrechnung wird dann Art und Anzahl der Retter und des Materials festgelegt.

Wie viele Retter sind denn durchschnittlich nötig?

 

Das kann ich nicht pauschal sagen, da dies von zahlreichen Faktoren abhängt, wie Höhe, Auslastung, Abstände oder Modell der Seilbahn. Anders als in den Bergen sind bei urbanen Seilbahnen aber oft deutlich mehr Retter nötig, da wir meist beidseitig 100 Prozent Auslastung haben. Im Extremfall benötigen wir die doppelte Anzahl an Bergeteams. Dabei stellen wir für jeden Bergesektor einen individuellen Materialsack zusammen, der nicht nur Geräte und Ausrüstung beinhaltet, sondern auch detaillierte Anweisungen.

Immoos bildet weltweit Bergeteams aus. Foto: IMMOOS

Diese Anweisungen ersetzen aber keine Schulungen.

 

Das ist richtig. Wenn wir unsere zertifizierten Produkte zum ersten Mal liefern, sind Einschulungen sogar vorgeschrieben. Wir machen dann etwa einwöchige Kurse vor Ort in Deutsch, Französisch oder Englisch.

 

Bei Bedarf wird auch noch ein Übersetzer beigezogen. Am sinnvollsten sind Kaderschulungen, bei denen wir sechs Retter persönlich und intensiv ausbilden, die wiederum das eigene Personal schulen. Im weiteren Verlauf muss die Bergung mit Passagieren mindestens einmal jährlich geübt werden, Teile davon sogar öfter.

 

Urbane Seilbahnen fahren aber beinahe 365 Tage im Jahr, häufige Übungen sind gar nicht möglich.

 

Große Übungen können tatsächlich meist nur nachts oder in der Revisionszeit durchgeführt werden, aber Handgriffe und Bewegungsabläufe können die Mitarbeiter auch während dem Seilbahnbetrieb proben.

 

Manche Seilbahnbetreiber hängen etwa eine Übungskabine in die Garage oder lassen das Team in der Station das Hantieren mit diversen Geräten üben. Die Retter sollen ja nicht schon an den Basics scheitern.

 

Auf Madeira haben die Seilbahnbetreiber sogar ein externes Trainingsgelände geschaffen. Die dort gewonnenen Erfahrungen fließen nach und nach in den Bergeplan mit ein. Die Betreiber haben nämlich erkannt: Das Bergekonzept muss leben!

Seilbahnen gelten als sehr sicher. Rechnet sich da überhaupt dieser ganze Aufwand?

 

Eine Seilbahnbergung ist selten, aber nicht unwahrscheinlich. Erst im vergangenen Jahr musste eine urbane Seilbahn evakuiert werden. Die Betreiber vertrauen seitdem ebenfalls auf unsere Expertise, um die Bergung zu verbessern.

 

Insgesamt haben wir schon für rund 30 urbane Anlagen Bergekonzepte erstellt, Material geliefert und Schulungen durchgeführt – unter anderem in Algerien, Südkorea, Türkei, Vietnam, Kolumbien und Myanmar. Selbst die Seilbahn am Zuckerhut in Rio de Janeiro setzt auf unser Know-how.

 

Das Interview führte Thomas Surrer